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Projekt: Kindererholung

2002

Eigentlich müsste ich die Bezeichnung dieses Projektes langsam ändern, beispielsweise in "Archäologische Expeditionen". Andererseits ist die Bezeichnung "Kindererholung" ja auch nicht so falsch.

In diesem Jahr wird es allerdings keinen Kinderaustausch geben, es fehlt ganz einfach an Mitteln und einem geeignetem Partner. Dies bedeutet, dass zumindest über unseren Verein in diesem Sommer keine Kinder nach Deutschland kommen werden und auch keine deutschen Kinder nach Rogachev fahren. So ganz vorsichtig laufen aber zumindest für das nächste Jahr schon ein paar Vorbereitungen - vielleicht wird es funktionieren.

Also wird die diesjährige "10. Rogachever archäologische Expedition" nur mit belorussischen Kindern stattfinden. Eines jedoch ist bedauerlich: Wir können das Objekt "Dobroe Osero" in diesem Jahr nicht fortsetzen, Igor Jesepenko (unser "Chefarchäologe") schreibt seine Dissertation und an zwei Publikationen. Wir sind uns aber auch seitens der Akademie und natürlich von Seiten Igors einig, dass im nächsten Jahr fortgesetzt wird. In diesem Jahr werden wir die Ausgrabung unter der Leitung von M.M. Kriwalzewitsch im gleichen Gebiet, nur ca. einen reichlichen Kilometer weiter, durchführen. Dafür gab es einen extra Vertrag von der Akademie der Wissenschaften. Die Epoche ist die gleiche, auch hier ist es eine Fortsetzung einer bereits begonnenen Ausgrabung.

Aber die Modalitäten haben sich etwas geändert - zu unseren Gunsten. Neben den alten Vertragspartner Akademie und Museum ist noch das heimatliche Zentrum (und damit indirekt die Organisation der Schulverwaltung (ich hätte fast gesagt "Volksbildung") hinzugekommen. Voraussichtlich wird dies sehr viel erleichtern.

Die Ausgrabung wird mit 15 Schülern der oberen Klassen durchgeführt, die von Museum und dem heimatkundlichen Zentrum ausgewählt werden, natürlich auf freiwilliger Basis (es gibt aber wohl mehr Interessenten als Platz. Die Ausgrabung wird vom 01.Juli bis 28. Juli gehen, in dieser Zeit wird einmal, eventuell auch zweimal gewechselt. Nachteil ist, dass jede Mannschaft erst eingearbeitet werden muss, Vorteil: es kommen einfach mehr in den Genuss. Vielleicht haben wir noch die Möglichkeit, dass einige auch nach ihrer "Schicht" noch im Camp bleiben können. Sicher nur eine Platzfrage, aber da wir noch vier neue Zelte in diesem Jahr bekommen haben, könnte es klappen. Ein Vorteil wird noch sein, dass für das Camp zwei Pädagogen abgestellt werden, die auch die ganze Zeit im Lager sein werden, es entbindet uns von der Verntwortung. Ausserdem stellt die Schulverwaltung nicht nur ein Fahrzeug (Diesel müssen wir natürlich bezahlen) für die Trinkwasserversorgung, der Fahrer ist für die ganze Zeit abgestellt und soll nach Vorgabe von uns auch die Lebensmittel einkaufen. Also anders wie im letzten Jahr, wo wir teilweise von 9.00 bis 18.00 Uhr täglich nur damit beschäftigt waren, zu Futtern ranzuschaffen. Wie im vergangenen Jahr wird frisches Gemüse wieder direkt von den Datschen beschafft, das ist auch wieder geregelt.

Die technische Ausrüstung ist auch bereits mehrmals kontrolliert und allseitig als ausreichend bis hervorragend eingestuft worden. Einige spezielle Dinge wie neue Erdtragen und neue Siebe werden noch angefertigt, einige Verbrauchsmaterialien müssen noch beschafft werden.

Die wissenschaftliche Seite setzt sich zusammen aus dem Archäologen und zwei wissenschaftlichen Assistenten, teilweise noch durch Familie verstärkt. Wenn nun noch das Wetter mitspielen wird, steht eigentlich einem erfolgreichem Camp nicht mehr viel im Wege.

Juli 2002

Erstens kommt es anders ... und zweitens sollte man sich nicht zu früh freuen!
Anfang Juni 2002 wurde durch den Archäologen mitgeteilt, dass keine Ausgrabung durchgeführt wird. Eine richtig konkrete Begründung dazu wurde allerdings nicht gegeben, Igor Jesepenko muss wohl bis einschliesslich September an der Uni in Moskau arbeiten und wegen der sozusagen Ausweichgrabung durch Kriwalziewitsch unweit unseres alten Grabungsortes hat es wohl unheimlich Ärger gegeben, so dass Kriwalziewitsch nun kneift. Das heimatkundliche Zentrum hat daraufhin zwar zwei Briefe zur Akademie geschickt und sich unter anderem dabei auf den abgeschlossenen und rechtsgültigen Vertrag berufen, aber - wie hier eigentlich fast üblich - darauf keinerlei Antwort erhalten.
(Am 09.07.2002 traf dann ein Brief der Akademie mit Datum vom 28.06. ein, in dem lediglich und ohne nähere Begründung mitgeteilt wurde, dass leider kein geeigneter Archäologe für die Ausgrabung zur Verfügung steht)

Also Plan B, den man hier eigentlich immer schon parat haben muss.
Bereits im Frühjahr wurde an einer Ausweichvariante gearbeitet. Diese sah vor, wie gehabt ein Lager für Jugendliche unter Leitung des heimatkundlichen Zentrums durchzuführen, allerdings ohne archäologische Ausgrabung. Es sollten dabei Denkmäler restauriert oder besser gesagt, wiederhergerichtet werden. Bei einer geplanten Zeit von zwei bis drei Wochen sollten drei Stätten bearbeitet, in der restlichen Zeit einfach Erholung durchgeführt werden. Auf Wunsch des heimatkundlichen Zentrums sollte dabei der deutsche Soldatenfriedhof mit Pflegemaßmahmen mit einbezogen werden. Der Direktor war der Meinung, wenn schon von deutscher Seite das ganze Unternehmen finanziert wird, könne man schließlich auch nicht nur sowjetische Ehrenmale herrichten.

Obwohl noch genügend Zeit vorhanden war, war die eigentliche Vorbereitung, die ab etwa 27.07. begann, recht chaotisch. Schon bei der Auswahl der Objekte, bis auf den deutschen Friedhof Chodossowitschi, der ja nun schon feststand. Eine erste "Kreisbereisung" zeigte, dass die geplanten Objekte eine Arbeit nicht nötig hatten. Schließlich fiel die Wahl auf eine Anlage im Wald bei Chodossowitschi, in Madora und Wischtschin. Da das ganze Vorhaben unter der Leitung des heimatlundlichen Zentrums lief, kümmerte sich dessen Leiter, Gennadi Titowitsch um die erforderlichen Absprachen und Genehmigungen. Allerdings wurde das Projekt durch die zuständige Bürgermeisterin abgelehnt und stand damit vor dem Scheitern. Ihre etwas sonderbare Begründung war wohl, dass es Probleme mit Veteranen geben würde, die mit einem solchen aus Deutschland finanzierten Projekt nicht einverstanden wären. (In der Realität trifft dies aber keinesfalls zu!) Schließlich erreichte Gennadi doch noch, das "grünes Licht" gegeben wurde. Das Ganze wurde reduziert auf Wischtschin, Madora und den Friedhof Chodossowitschi mit anschließendem Lager am dortigen See. Der Friedhof als letztes Objekt, da ab Mitte Juli mit dem Eintreffen von Franz Masser zu rechnen war, der der eigentliche "Vater" dieses Friedhofes ist. Der Beginn wurde für Montag, 08.07.2002, festgelegt.

1. Objekt: Friedhof Wischtschin

Wischtschin ist ein kleines Dorf, etwa 25 Kilometer nordöstlich des Rayonzentrums Rogachev. Das Dorf ist recht langgestreckt und verläuft in einem Abstand von etwa 500 Meter parallel zum Dnepr, Es liegt etwa 20 Meter höher als der Fluß und ist von diesem durch Wiesen getrennt, die sicherlich bei Hochwasser Überschwemmungsgebiet sind. Der Friedhof befindet sich im letzten Dorfdrittel und ist - von einigen Gräbern neueren Datums abgesehen - in keinem sehr guten Pflegezustand. Am Rande dieses Friedhofes befindet sich eine separat eingezäunte Anlage eines Ehrenmales. Während des Zweiten Weltkrieges soll es hier am Dorfrand zu Kampfhandlungen gekommen sein, gegenüber dem Dorf sollen deutsche Panzereinheiten den Dnepr überwunden haben. Eine Furt sowie ein Ufereinschnittlassen diese Möglichkeit zu.

Das Areal des Ehrenmales ist in sehr ungepflegtem Zustand, der Holzzaun ist verwittert, Mauersteine zerfallen, lediglich Betonteile sind noch sehr gut. Es ist sehr starker Wildwuchs vorhanden.

Ursprünglich war beabsichtigt, das Lager unmittelbar am Dorfrand unweit des Friedhofes zu errichten, jedoch entschlossen wir uns dazu, es unmittelbar am Dneprufer aufzubauen, ein Fußmarsch von ca. 700 Metern wurde von allen als nicht weiter tragisch angesehen. Das Lager wurde also direkt am Flußufer auf einer Art breitem Damm errichtet, der mit sehr großen Weiden bestanden war. In einer Entfernung von etwa 300 Meter befand sich zudem noch ein flacher "Sandstrand", der als Badestelle genutzt wurde.

Bereits am ersten Tage begann ein Teil der Gruppe mit der Arbeit am Friedhof, während der andere Teil noch das Lager einrichtete. Bis zum Abend war bereits der alte Zaun entfernt und das Unkraut beseitigt. Der örtliche Kolchos stellte uns nach Absprache durch das heimatkundliche Zentrum das Holz für den neuen Zaun sowie Steine und Zement zur Verfügung.

Am nächsten Tag begann die Wiederherstellung des "Grabhügels", nachdem die Marmorplatten, auf denen die Namen der Gefallenen graviert waren, unbeschädigt geborgen und gereinigt werden konnten. Auch ein Teil des neuen Zaunes konnte schon errichtet werden. Die Betonstele wurde gereinigt und grundiert. In den Vormittagstunden des dritten Tages wurde der Zaun fertiggestellt und die Anstricharbeiten beendet, sodass bereits ab Mittag ein Teil der Gruppe mit dem Objekt Madora begann.

Aus der Bilddokumentation
(zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken)
Vor Beginn der Arbeiten
Während der Arbeiten
Nach Abschluß der Arbeiten
Das Camp am Dnepr

2. Objekt: Friedhof Madora

Wischtschin ist ein mittelgroßes Dorf (geschätzt etwa 1000 Einwohner), etwa 15 Kilometer nordöstlich des Rayonzentrums Rogachev. Der Friedhof befindet sich im am Dorfrand etwa 100 Meter neben der Hauptstraße. Am der Zugangsecke dieses Friedhofes befindet sich die Anlage eines Ehrenmales. Zum großen Teil wird der Weg über diese Fläche auch zum Betreten des restlichen Friedhofgeländes benutzt

Das Areal des Ehrenmales ist in ungepflegtem Zustand, der Metallzaun teilweise nicht mehr vorhanden, Mauersteine zerfallen, lediglich Betonteile sind noch sehr gut. Es ist sehr starker Wildwuchs vorhanden, so dass die Gesamtanlage kaum noch erkennbar ist. Die Platten des Weges sind locker, an der Eingangstür nicht vorhanden. Farbe ist kaum noch erkennbar, von der am Monument angebrachten Tafel haben sich ein Teil der Buchstaben und Zahlen gelöst und sind nicht mehr vorhanden

Ursprünglich war beabsichtigt, ein neues Lager unweit des Friedhofes zu errichten, allerdings standen ausreichend Transportmöglichkeiten zur Verfügung und wir entschlossen uns, das Lager am Dnepr bei Wistschin zu belassen.

Bei Beginn der Arbeiten arbeitete noch ein Teil der Gruppe in Wistschin, so daß nur etwa die Hälfte begann, den Wildwuchs zu beseitigen. Diese Arbeit wurde am nächsten Tag mit der gesammten Gruppe fortgesetzt und beendet. Gleichzeitig wurden die gelockerten Betonplatten des Weges befestigt und einige Treppenstufen neu gemacht. Am nächsten Tag begann die Wiederherstellung des "Grabhügels", nachdem die Marmorplatten, auf denen die Namen der Gefallenen graviert waren, unbeschädigt geborgen und gereinigt werden konnten. Die Betonstele wurde gereinigt und grundiert. Wir hatten uns entschlossen, die Stele in den Farben der Nationalflagge weiß-grün-rot zu streichen, in Minsk war es kein Problem, die nötige Fassadenfarbe und Farbzusätze zu bekommen. Die Metalltafel mit der Beschriftung aus nichtrostendem Stahl wurde im Rogachever Werk "Diaprojektor" bearbeitet und die Schrift (aufgeschweißte Einzelbuchstaben und Zahlen) wieder vervollständigt, sodass sie zum Abschluß dieses Projektes wieder angebracht werden konnte.

Aus der Bilddokumentation
(zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken)
Vor Beginn der Arbeiten
Nach Abschluß der Arbeiten

Arbeitskreis humanitäre Projekte e.V.
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