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Wischtschin

Wischtschin ist ein kleines Dorf, etwa 25 Kilometer nordöstlich des Rayonzentrums Rogachev, Oblast Gomel. Das Dorf ist recht langgestreckt und verläuft in einem Abstand von etwa 500 Meter parallel zum Dnepr. Es liegt etwa 20 Meter höher als der Fluß und ist von diesem durch Wiesen getrennt, die sicherlich bei Hochwasser als Überschwemmungsgebiet belassen werden und dadurch auch nicht bebaut sind.

Die Häuser des Dorfes sind einfache und landestypische Holzhauser, Industrie ist nicht vorhanden. Etwa ab der Dorfmitte ist die Hauptstraße des Ortes, an der sich die wenigen Häuser rechts und links befinden, nur noch ein Sandweg. Die Straße, die aus Richtung Rogachev über Madora hier nach Wischtschin führt, endet hier auch.

Im letzten Dorfdrittel befindet sich auch der Friedhof, dessen Ehrenmal 2002 von uns mit Jugendlichen rekonstruiert wurde.- Von einigen Gräbern neueren Datums abgesehen war der Friedhof in keinem sehr guten Pflegezustand. Am Rande dieses Friedhofes befindet sich eine separat eingezäunte Anlage eines Ehrenmales. Während des Zweiten Weltkrieges soll es hier am Dorfrand zu Kampfhandlungen gekommen sein, gegenüber dem Dorf sollen deutsche Panzereinheiten den Dnepr überwunden haben. Eine Furt sowie ein Ufereinschnitt lassen diese Möglichkeit zu.

Ein Besuch des Ehrenmals nach einem Jahr (Sommer 2003) zeigte, dass die Anlage weiter gepflegt worden war und vermutlich als Folge unserer Rekonstruktion der gesammte Friedhof einen neuen Holzzaun erhalten hatte.

Die Forschungen zum Schloss bei dem Dorf Wischtschin

1977 begann eine fünfjährige archäologische Erforschung in der Umgebung des Dorfes Wischtschin, die durch die Belorussische Staatlichen Leninuniversität durchgeführt wurde.

Das Dorf Wischtschin befindet sich im Rayon Rogachev, Gebiet Gomel. Die Fläche des zu erforschenden Siedlungsraumes betrug etwa 0,63 ha, davon wurden etwa 1650 Quadratmeter ergraben. Die Mächtigkeit der Kulturschicht im Grabungsareal reichte von 0,4 m (im Zentrum des Platzes) bis zu 1,5 m (an den Randgebieten).

Die Ansiedlung befindet sich am rechten Flußufer des Dneprs auf einer höher gelegenen Terrasse Sie wurde durch ein System von Erdbefestigungen geschützt, die aus drei parallelen Linien von Wällen und Gräben bestand, die einen Halbkreis bildeten.. Die Höhe der äusseren Wälle betrug 2,5 - 3 m. Die andere Seite der Ansiedlung wurde durch das steile Flußufer geschützt und besass dadurch offenbar keine gesonderte Sicherung durch einen Wall. Die Siedlung hat den Typ der in halbrunder Form angeordneten Ortschaften, die nicht durch das Geländerelief bedingt ist.

Während der Ausgrabungen wurden Überreste von 6 durch Feuer vernichteter Holzgebäude sowie einem Steingebäude gefunden.. Diese Gebäude waren entlang dem Wall errichtet worden und hatten untereinander einen Abstand von etwa 10-15 Meter.

Die Fundstücke der Ausgrabungen sind Zeugnis des wirtschaftliche Leben und des Alltages der Bewohner des Schlosses und der in der Umgebung lebenden Einwohner

Vom landwirtschaftlichen Charakter zeugen unter anderem zwei Einzelteilen eines Pfluges, zwei erhalten gebliebenen Hacken sowie zwei Bruchstücke von Sicheln. Es sind auch Mühlsteine, Harpunen und Haken und Äxte, Meißel, Bohrer und ähnliches gefunden worden.

In südwestlichem Teil der Siedlung wohnte ein qualifizierte Juwelier. Es sind die Matrizen für Schmuckanhänger in Form einer Lilie und massive Gußformen für Namensstempel dort gefunden worden. Zahlreichen Fundstücke waren hier Bleiplatten, die möglicherweise für die Herstellung von Emaillen verwendet wurden, sowie Bruchstücke von Glasarmbänder (510 Fragmente), Ringe und Halsketten. Die Schmuckwaren sind teilweise späteren Anhängern in Kreuzform ähnlich und einige könnten auch als Haarnadeln verwendet worden sein.

1979 wurde in den Überresten des ehemaligen Schlosses ein Schatz mit kostbarem Schmuck und Geldbarren gefunden, der im Fundament der Burgmauer verborgen worden war. Er muss aus der letzten Zeit der vor Zerstörung der Ansiedlung stammen. Die Fundstücke waren aus Silber.

Die Fundstücke entsprechen anderen Schatzfunden, die etwa in der Zeit der mongolisch-tartarischen Überfälle auf die Rus vergraben wurden und in die Zeit zwischen der zweite Hälfte des 12. Jhh. und dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts datiert werden. Der Wischtschiner Schatzfund bestand nicht aus neuen Erzeugnissen, viele der Fundstücke waren gebraucht und teilweise beschädigt. Zwischen der Herstellung und dem Vergraben lag eine größere Zeitspanne.

Das große Interesse stellt der Fund einer Bleipresse von Mistislaw Rostislaw Chrabro vor, die von den Verbindungen des Schlosses mit der Dynastie der Smolensker Fürsten zeugt.

Die Analyse des Ortsnamens, der sozial-ökonomischen Typ des Schlosses, seine Verbindung mit der Smolensker Dynastie ermöglichen eine Datierung sowie Rückschlüsse auf Zeitpunkt und Umstände der Zerstörung des Wischtschiner Schlosses. Auch die erhalten gebliebenen Chroniken legen nahe, dass das Schloss um 1258 durch die vereinigte Armee der Litauer und Polen zerstört wurde.

Nach einem Bericht des weißrussischen Historikers E.M.Zaguralskogo, veröffentlicht in: "Die Altrussische Macht und die Slawen" (Minsk 1983, S. 86-89).


Der belorussische Landkreis Rogachev
© Jörg Müller