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Tichinitschi - Aus der Geschichte 2

Kurzbeschreibung der Dörfer Osownik und Alt-Salitwinie des Amtsbezirkes Tichinitschi, Rogachever Kreis, Mogilower Gouvernement (bis zum Oktober 1917)

Etwa 8 Kilometer vom Dorf Tichinitschi entfernt, sind auf großen Waldwiesen einige gering besiedelte Plätze vorhanden, in deren Zentrum die Dörfer Osownik und Alt-Salitwinije liegen, die etwa 2 Kilometer voneinander entfernt sind.

Diese Dörfer waren zu Mitte des 19. Jahrhundertes (bis 40-50 Höfe) vorzugsweise von Weißrussen bewohnt. Hauptbeschäftigung der Bewohner dieser Dörfer war die Landwirtschaft. Die Nutzflächen waren klein, etwa 4-5 Deßjatinen (altes russischen Flächenmaß von ca. 1,09 ha), einige nur 2-3 Deßjatinen. Die Aussaaten waren vorzugsweise Wintergetreide wie Gerste sowie Hafer, Flachs, Hanf und Kartoffeln. Der Boden war unfruchtbar - sandig, sauer und salzig - und benötigte viel Dünger. Deshalb waren die Ernten niedrig und es gab einige Hungerjahre. Die Wirtschaft wurde in primitiver Weise geführt, vorwiegend mit Hakenpflügen, hölzernen Eggen, die Leiterwagen besaßen noch Holzrädern. Etwa mit Beginn des Krieg 1914 hielten die ersten eisernen Pflüge, Eggen und Leiterwagen mit Eisenrädern hier ihren Einzug.

Die bäuerlichen Hütten hatten hauptsächlich Strohdächer. Die Beleuchtung in den Häusern war spärlich (in den Hütten waren «Kamine», in die harzige Späne gelegt wurden, auf diese Weise wurde die Behausung beleuchtet). Petroleumlampen besaßen nicht alle, sie wurden fast ausschließlich zu Feiertagen verwendet. Die Osowniker und Salitwinijer liebten das Schwitzen in den Badehäuser, so hatten etwa 4-5 Höfe ihre Banja.

Die Straßen dieser Dörfer waren eng, ohne jegliche Vegetation, in den Zeiten starken Regens sehr schmutzig und schlammig und nicht gerade sehr anziehend. Neben den Häusern gab es kein Grün, das schattige Plätze schaffen und für ein wenig Schmuck sorgen würde.

Ein recht schweres und trostloses Leben führten besonders die schwer arbeitenden Bauernfrauen. An den langen Herbst- und Winterabenden im Licht der Kienspäne verbrachten sie die Zeit mit Wollverarbeitung und dem Spinnen von Garnen für die Tuchherstellung. Es wurden selbstgebaute Webstühle verwendet, wo die Stoffe, die in einigen Fällen für das Nähen der Oberbekleidung verwendbar waren, angefertigt wurden. So war die Kleidung, Unterwäsche und Oberbekleidung (Bauernkittel, Mäntel usw.) hauptsächlich aus eigener häuslicher Herstellung. Überwiegend wurden Bastschuhe getragen, viele konnten sich lederne Schuhe nicht leisten.

Der Alphabetisierungsgrad unter der Bevölkerung dieser Dörfer war nicht höher als 25 %, unter den Frauen sogar noch weitaus geringer. Ohnehin war höchstens der Besuch einer Grundschule möglich.

Die einzige Unterhaltung für die Jugend war der Tanz, der in vorfestlicher Zeit und an Feiertagen stattfand. Für den Tanz benutzte man die geräumigste Hütte, mieteten einen Geiger, zusätzlich wurde noch der Tambourin verwendet. Die Ziehharmonika war in diesen Dörfern noch nicht bekannt.

Die Abende der Wochentage waren für die gemeinsame Arbeit einiger Mädchen an der Herstellung von Garn, Tuch und der übrigen häuslichen Gerätschaften vorbestimmt. Es waren teilweise wahre Meisterinnen, die auf den Webstühlen farbige Kleider, Vorhänge, Tischdecken, Handtücher, Teppiche und Decken webten. Den Mädchen schlossen sich oft die jungen Burschen an und die Spinngesellschaften wurden von fröhlichem Geschwätz und Scherzen geprägt.

Die Leute dieser Dörfer waren sehr religiös und deshalb nahmen alle religiösen Feiertage und Gebräuche einen sehr hohen Stellenwert ein. Die Jugend organisierte die Weihnachtsfeiertage. Die Mädchen beschäftigten sich mit Wahrsagerei, und die jungen Burschen «führten die Ziege» durch die Hütten und beglückwünschten einander zum Feiertag. Verfehdet waren die jungen Leute zu Nachbardorfern, wenn den einheimischen Mädchen der Hof gemacht wurde.

An sommerlichen Festtagsabenden, wenn keine häusliche Arbeit zu verrichten war, versammelten sich die älteren Leute und veranstalteten Spinngesellschaften auf den Bänken neben ihren Häusern und besprachen häusliche Dinge.

So verlief das Leben der Dörfer Osownik und Alt-Salitwinije bis zum Oktober 1917.

 

Kulturelle Massenarbeit in Osownik und Alt-Salitwinije im Zeitraum 1920 bis 1924.

1910 wurde die Osowiker Schule gegründet. Dazu wurde von einem ortsansässigen Bauern ein für den Ort untypisches Bauernhaus mit zwei Räumen gemietet. Der eine Raum war der Klassenraum für alle Schüler, der andere diente dem Lehrer (Jewrejnowa) als Wohnraum. Als allerdings 1918 der Hauseigentümer darauf bestand, ebenfalls im Haus zu wohnen, musste der Lehrer seinen Wohnraum mit der Vermieter teilen.

Die Schule wurde nur mit Kienspänen beleuchtet, die Abende wurden neben den Kaminen verbracht, wo die Hausfrau Garn spannen, und der Hausherr Bastschuhe flocht oder das Kummet reparierte. Der Lehrer las für die Hausherren aus Büchern vor oder aus der Zeitung, die zu dieser Zeit 2 bis 3 mal in der Woche auch in das Dorf kam.

Manchmal besuchten an solchen "Lehrer-Abenden" auch die ortsansässigen Burschen diese Zusammenkünfte und baten um Bücher für die eine solcheVorlesung. Oft diente es auch nur als Anlass für den Besuch. Der Lehrer machte die Jugend mit den Zeitungsnachrichten bekannt. Wenn sich eine ganze Gruppe versammelte, wurde aus einer solchen Zusammenkunft eine recht lärmende Gesellschaft, die dem Hausherren schnell einfach zuviel Unruhe ins Haus brachte. Deshalb begann man, diese Art von Versammlungen sonntags am Tage durchzuführen und, wenn genügend Petroleum vorhanden war, an den Samstagsabenden war. So wurde ein kleiner "Freundeskreis" für die Vorlesung von Büchern und Zeitungen gebildet , oder, wie man es auch bezeichnete, ein literarischer Zirkel. In der Folge kam auch die Erwachsenen oft sonntags in die Schule, um Neuigkeiten aus der Zeitung zu hören bzw. sich vorlesen zu lassen. Besonders interessierte die Leute den Neuigkeiten aus dem Ausland.

Unter den Erwachsenen waren beispielsweise Surinowitsch, Gaidukow und andere ständige Besucher, von den Jugendlichen besonders Skriganow, Kagan, Demidowitsch, und Simanowitsch. Hin und wieder besuchten auch einige Mädchen den literarischen Zirkel.

Im August 1921 kommt ein zweiter Lehrer in Osownik an die Schule, A.F. Sotikov. Dadurch konnte die kulturelle Massenarbeit intensiviert werden. So wurde beispielsweise ein Chor gegründet, der besonders die Mädchen begeisterte. In den Zirkelstunden befasste sich die Jugend besonders mit Stücken von A.S.Pushkin «Die Hauptmannstochter», "Schneesturm", und "Dubrovsky".

Später wurde der dramatische Zirkel geschaffen. Im Repertoire waren vorwiegend Stücke revolutionär-satirischen Theaters («Osownik»): « Osownik auf Balkan », « Das heilige Pfingsten » usw.

Ab 1922 nehmen am Dramatikzirkels die Jugendlichen der benachbarten Dörfer Gontscharow, Juchnowez usw. als aktiven Teilnehmer teil. Vor den Einwohnern wurde das Stück "Alesjas" aufgeführt, in dem drei Männer- und eine Frauenrolle war. Diese weibliche Rolle spielte die Bürgerin Gajdukova, sie war keine gebürtige Osownikerin sondern eine von den wenigen, die zeitweilig in Osownik lebte, sie war eine verheiratete Frau. Im Mai 1922 wurde dann das Stück "Dunka swatajut" aufgeführt, hier gab zwei männliche und zwei weibliche Rollen, eine von denen spielt die Einheimische Skryganova. Die Aufführungen hatten überwältigenden Erfolg bei den Zuschauern, fast alle Bewohner wohnten den Aufführungen bei.

Die Lehrer der Osowniker Schule widmeten viel Zeit der Arbeit mit der erwachsenen Bevölkerung. Sie waren die Sekretäre der Vollversammlungen, Jewrenow war auch Sekretär des "Komitees der Armut". Jewrenow war einer der ersten Lehrer im Rayon Rogachev, der 1920 in der Schule in weißrussischer Sprache unterrichtete.

Dadurch war die Schule von Osowik das Zentrum der kulturellen Massenarbeit der Gegend.

Auch der Lehrer der Schule von Alt Salitwino, I.I.Vensjatskij, widmete viel Zeit den Fragen der Organisation und der Durchführung kulturellen Massenarbeit mit der erwachsenen Bevölkerung und besonders der Jugend seinen Dorfes. Er war, wie auch sein Kollege aus dem benachbarten Dorf, Sekretär im " Osowniker Komitees der Armut" (Vorsitzender -M.I. Jazykovich ). 1924 wurden Vensjatskij und Jazykovich in den Krushinowsker Landwirtschaftsrat gewählt.

Ebenso wie in Osownik wurden auch an der Schule in Alt Salitwinje ein Literaturzirkel und ein dramatischer Zirkel gegründet.

1923 wurde in Neu Osownik das Stück «Soldatenliebe» aufgeführt, das einen ganz grossen Erfolg hatte. Die Hauptrollen in diesem Stück spielen Vensjatskij und Sonja Gawrilenko.

Die aktivsten zu dieser Zeit im Zirkel waren F. Jasykowich , G. Gawrilenko, Sonja Gawrilenko, Uljana Kiseljewa, Zankiewitsch und andere.

Eine bedeutendste Errungenschaft von Vensjatskij war seine Arbeit bei der Beseitigung des Analphabetentums unter der erwachsenen Bevölkerung. Die Unterrichtsabende an den Samstagen und Sonntagen besuchen ungefähr 26 Erwachsene, sogar einschließlich Frauen.

In 1922 beginnt er, in seiner Schule die weißrussischen Sprache zu unterrichten.

In 1923 verlässt die Bürgerin Gajdukova den Ort Osownik. Daraufhin verließ auch die Skryganowa die Truppe, sie wollte nicht die einzige Frau in der Theatertruppe sein. Sotikow beginnt, in der Letschinsker Schule zu arbeiten. Dadurch war der Osowiker Dramatikzirkel in seinem Fortbestand akut gefährdet, war er jetzt ohne seinen Leiter und ohne eine weibliche Besetzung.. Es kam daher zu einer Zusammenlegung mit dramatischen Zirkel von Alt-Salitwino. I, Mai 1923 wurde das Stück «Дуньку сватают» auch in Osowik aufgeführt, im September 1923 wurden auch außerhalb, im Dorf Leschenki, die Stücke «Soldatenliebe» und «Baron Wrangel auf Balkan» aufgeführt, 1924 im Dorf Pdsely das Stück « Dunka swetajut». Zu diesem Aufführungen kamen auch aus umliegenden Dörfern die Zuschauer, teilwise gingen sie dazu mehr als 12 Kilometer zu Fuß durch den Wald.

Insgesamt gab es im Zeitraum 1920-1924 etwa 15 Aufführungen in verschiedenen Orten des Amtsbezirkes Tichinitschi.

In den ersten Jahren der Sowjetmacht waren besonders die Schulen der Dörfer Osownik und Alt Salitwinije Hauptzentren der Entwicklung der Kultur auf dem Dorf, der Geschlossenheit der Leute und der Erhöhung der Schriftkundigkeit der Bevölkerung.


Der belorussische Landkreis Rogachev
© Jörg Müller