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Tichinitschi - Aus der Geschichte

Die erste urkundliche Erwähnungen in den Archiven eines Ortes Tichinitschi stammt aus dem Jahre 1556.

Das Dorf ist an dem kleinen Fluss Dobritza gelegen, etwa 18 Werst von der Kreisstadt Rogachev entfernt.

Ab 1863 Tichinitschi war Verwaltungszentrum eines Amtsbezirkes. Ein Teil der Dörfer dieses Amtsbezirkes gehörte den Erben des Rittmeister Reinhardt.

Aus dem Jahr 1880 gibt es einige Angaben zur Struktur:

Einwohner männlich: 400

Einwohner weiblich: 437

davon 285 russisch-orthodoxer Konfession

10 Katholiken

542 Juden

Gebäude:

126 Wohngebäude (Holzhäuser)

6 Geschäftshäuser (5 jüdisch, 1 russisch-orthodox)

1 Kirche, (Steingebäude)

1Gebetsschule für Juden (Holzhaus)

1 staatliche Schule

1 Gebäude der Verwaltung des Amtsbezirkes

In Tichinitschi fand jährlich die Michailowski-Handelsmesse (vom 8. November bis 15. November) statt, der mittlere Warenumsatz auf dieser Messe betrug etwa 13.000 Rubel. Gehandelt wurden Pelze und Pelzimitate und Erzeugnisse daraus, aber auch Erzeugnisse aus den umliegenden Dörfern wie Lindenbast (vorwiegend aus Lutschin), Holz- und Töpferwaren, die vorwiegend aus den Dörfern Oserani und Kruschinowka stammten.

Zeitweise wurde während der Messe ein Pferdemarkt abgehalten.

Die Bevölkerung lebte vorwiegend von der Landwirtschaft, Leder- und Tuchherstellung, sowie der Produktion hölzerner Haushaltsgegenstände.

Bis heute werden hier Tierhäute zu Leder verarbeitet. Dieses Handwerk kam 1867 mit Kaplan Jodl in das Dorf, der damit etwa 100 bis 120 Rubel pro Jahr verdiente. Im Dorf Slawitsche (unweit von Tichinitschi) befasste sich der Bauer Michail Witalesow mit diesem Handwerk.

Der Kleinbürger Kaplan Shmujla mietete für 100 Rubeln pro Jahr bei Reinhardt сукновальню des Dorfes Rudnja-Bronskaja, wo das Tuch für den Verkauf erstellte.

Im Dorf Kaschara befand sich eine Köhlerei, die Reinhardt gehörte. Weiterhin besass dieser noch eine kleine Gießerei (Jahresumsatz 1265 Rubel.), eine Ochsenmühle (zum Antrieb waren Ochsen im Joch eingesetzt) und 2 Wassermühlen.

Bis zu Reinhardt, etwa 1830 bis 1868 gehörte dieses Gut dem polnischen Adeligen Oskerko. Dieser Oskerko ist auch am Steilufer der Dobriza begraben.

Etwa 4 Jahren nach Niederschlagung des Aufstandes von 1863/64 gegen die polnische Unterdrückung übernahm der zaristische Rittmeister und Geheime Rat Matwej Iwanowitsch Reinhardt das Gut Oskerko. 1868 war er als Eigentümer des Grund und Bodens eingetragen.

Seit 1865 war eine Verordnung in Kraft, die Personen polnischer Herkunft untersagte, Güter in den westlichen Gouvernements Russlands zu erwerben.

Das Gut hatte: hatte eine Fläche von 8375 Desjatinen, darunter 4797 Desjatinen Wald,1433 Desjatinen Ackerland, 521 Desjatinen Heuwiesen, die restlichen 1786 Desjatinen entfielen auf den Fluss und Sumpfgebiete.

Das Haupteinkommen stammte aus dem Holzhandel, das im gutseigenen Wald geschlagen wurde.

Reinhardt. starb am 28. Februar 1881 und wurde Pfarrgarten beigesetzt. 1885 verkauften die Erben das Gut Reinhardts dem Gutsbesitzer M. Klattso (einem Deutschen). Nach dem Tod von M. Klattso 1902 übernahm dessen Sohn A.M. Klattso das Gut, dass er bis zur Oktoberrevolution 1917 besaß.

1910 gehörten noch zu dem Gut die Dörfer Borki, Kaschara (Köhlerei), Mortkowo, Poljana und Jamnaje.

1892 wurde im Gut eine Brennerei errichtet. Als Rohstoff verwendete man Kartoffeln. Die Abfälle und Nebenprodukte wurden als Viehfutter verwendet. Für die Viehzucht wurden neue Tiere in der Ukraine gekauft. Zum Gut gehörten weiterhin noch eine Mühle, ein Sägewerk und eine Ziegelei.

1882 umfasste der Amtsbezirk Tichinitschi 78 Siedlungen.

Als erste Chefs des Amtsbezirkes sind noch bekannt von 1863 der Ältester Juri Ossipowitsch Chernjavsky, Amtsschreiber Florkan Venediktowitsch Ordo. Ab 1893 dann als Ältester ein Issakow und ab 1907 erfüllte die Pflichten der Älteste N. V. Simanovich, Amtsschreiber war Tischkewitsch.

1908 - 1914 lebten auf einem Vorwerk die Familien der Bauern Nadtoschajew, Rjabkow, Srakow, Katjukewitsch, Koloskow und Choronscha.

Im September 1915 kam es zu einem großen Brand, wobei das Verwaltungsgebäude des Amtsbezirk, zwei Synagogen und 42 Wohnhäuser zerstört wurden.

In März 1918 wurde Tichinitschi durch Truppen der Armeen des Kaisers Wilhelm II. besetzt. Im Dorf befand sich der Stab der 4. Deutschen Landwehrdivision. Während der Besetzung operierte hier die Bolschewikiorganisation unter der Leitung von F.S. Vojtov im Partisanenuntergrund. Am 21. November 1918 räumte die deutsche Armeen das Dorf wieder.

Erster Vorsitzender des Revolutionskommitees wurde F.S. Vojtov.

1919-1920 wurde in Tichinitschi eine Partei-und Komsomolorganisation gegründet. Sekretär der Parteiorganisation wurde Iwan Korneevich Ossipov, Komsomolsekretär I.N. Bruksch.

1919 wurde ein Sowchos gegründet.

Anfang November 1919 verübten weißpolnische Truppen einen nächtlichen Artillerieüberfall auf das Dorf Nadekowitschi. Dabei kamen 19 Rotarmisten ums Leben, die in Rogachev gegegnüber dem Zimmermannpark beigesetzt wurden.

1864 wurde eine Volksschule eröffnet. Das Gebäude besaß einen Klassenraum und die Lehrerwohnung. Lehrer der Schule waren: der Priester F.K. Chulkovich (1864-1866), der Absolvent des Mogilewer Kirchenseminars F.S. Borshchevskys (1866-1981), E. Shdan (1881-1886).

Zu dieser Zeit lernten 34 Jungen und 4 Mädchen. Später kam der Lehrer Paul Iwanowitsch Taberko (1886-1897), er unterrichtete 45 Jungen und 7 Mädchen (1899 lehrte er auch in Oserani) und A.S. Solowjew (1897-1909) bis 1917.

1909 wurde die Schule in eine zweiklassige Volksschule umgewandelt, Direktor A.S. Solowjew, zweiter Lehrer L.A. Nekrassow.


Der belorussische Landkreis Rogachev
© Jörg Müller