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Lutschin

Lutschin ist ein Dorf an der Kreisstraße R 38 zwischen Rogachev und Shlobin, etwa 5 km von Stadtrand der Kreisstadt Rogachev entfernt und liegt unmittelbar am Dnepr-Ufer.

Hauptstraße

Es gehört zum Rayon Rogachev, Gomeler Oblast und liegt etwa 220 km südlich von Minsk, bis Gomel sind es ca. 120 km, bis Brest ca. 500 km.

Archäologische Funde im Bereich von Lutschin zeigen, dass hier bereits vor etwa 11.000 Jahren Menschen lebten. Es wurden neben Mammutknochen auch zahlreiche Arbeitswerkzeuge und Waffenteile aus Feuerstein gefunden. Vermutlich gehörten sie hier lebenden Nomaden. Eine erste Besiedlung des Geländes erfolgte nach Ansicht der Wissenschaftler etwa in der Mitte der Steinzeit. Während der Bronzezeit war das Gebiet schon relativ dicht besiedelt, vorwiegend von zwei slawischen Stämmen, von denen der eine die Radomitschi infolge der Expansion anderer Stämme aus ihren Ursprungsgebieten westlich der Oder nach hier abgedrängt und hier sesshaft wurden.

Die erste bekannte urkundliche Erwähnung Lutschin findet sich auf einer Urkunde des Smolensker Fürsten Rostislay aus dem Jahre 1136. Zu dieser Zeit war Lutschin bereits ein

Die erste urkundliche Erwähnung der Ortschaft Lutschin stammt aus einem Dokument des Smolensker Fürsten Rostislaw aus dem Jahre 1136 und verlieh der Ortschaft das Stadtrecht.

Zu dieser Zeit war Lutschin noch größer als das etwa 10 km entfernte Rogachev, die spätere Kreisstadt.

Der Ort war der südlichste Posten des Smolensker Fürstentums. Burgen und Ort gehörten zu diesem Fürstentum. Die beiden Burganlagen erfüllten die Aufgaben einer Zollstation für den Warenverkehr auf dem Dnepr.

Von einer dieser Zollburgen ist heute noch die Wallanlage teilweise sichtbar (wobei die Fläche innerhalb der Wallanlage allerdings landwirtschaftlich genutzt wird. Die zweite Burg, die dann dort entstand, erhielt die Bezeichnung Popower-Burg, abgeleitet von der altrussischen Bezeichnung für Priester (Pope).

1173 wurde die Stadt Lutschin Grenzstadt des Smolensker Bereiches. In dieser Zeit residierte für einen Zeitraum der Smolensker Fürst hier mit seiner Familie, hier wurde auch sein Sohn Michail geboren. Aus diesem Anlass lies er hier eine Kirche errichten, die den Namen "Heiliger Michail" erhielt. Dieser Sohn erhielt die Stadt als Geschenk von seinem Vater.

Ende des 12. Jahrhunderts bis Mitte des 13. Jhh. gehörte Lutschin zum Turowsker Fürstentum, etwa ab 1240 war es Grenzpunkt. Im 13. und 14. Jahrhundert gehörte dann der Ort zum Pinsker Fürstentum.

Das 15. Jahrhundert war eine bedeutende Etappe und brachte eine dynamische Entwicklung für den Ort, der Pinsker Fürst schenkte den Ort dem polnischen König Sigismund I., dem Älteren (1467-1548). Bis dahin War die Gegend um Lutschin (einschließlich des Gebiets von Rogachev) Eigentum des Fürsten Iwan Wassilewitsch, der ein Sohn des Serpuchower Fürsten Wassily Jaroslawowitsch war.

1562 wurden die umliegenden Ortschaften auch Lutschin durch den Einfall der Krimtartaren ausgeplündert, 1654 quartierten sich hier die Truppen des Hetman Zolotorenko (russischer Kosakenführer, der 1655 Vilnius eroberte und niederbrannte) ein.

Ende des 16. Jahrhunderts besaß Lutschin kein Stadtrecht mehr, es war jetzt nur noch ein einfaches Dorf im Einflußbereich des Großfürstentums Litowsk und gehörte dann von1569 bis 1772 zum polnischen Bereich der Retsch Pospolita. Nach deren Zusammenbruch 1772 kam 1793 Lutschin zum Russischen Imperium, seit Ende des 19. Jahrhunderts gehört das Dorf zum Rogachever Kreis, allerdings nicht zum Gomeler Bezirk, sondern zum Mogiljowsker Gouvernement.

Die Kirche des Heiligen Michaels befand sich unweit des Dnepr-Ufers im östlichen Teil des Dorfes. Es war ein großes Gebäude mit zwei Türmen, auf denen sich zwei große vergoldete Kreuze befanden. Um das Kirchengelände befand sich ein weiträumiger Zaun mit einem Steinsockel mit steinernen Säulen, die an ihrem oberen Ende von kleinen Blechkuppel bekrönt waren. Zwischen den Pfeilern befand sich ein hölzerner Pfahlzaun. Rings um die Kirche im eingezäunten Bereich wuchsen große alte Linden, auf einer von ihnen war ein riesiges Storchennest, in dem jährlich die Störche ihre Nachkommenschaft aufzogen.

Der westliche Turm war der Glockenturm. Er war kleiner und hatte vier Fenster. Die kleinste Glocke des Turms war das Geschenk eines heute Unbekannten. Sie war allerdings eine Einzelglocke und nie in das Glockenspiel eingesetzt

Die Fenster befanden sich auf je einer Seite nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Sie waren nicht verglast und wurden durch Fensterläden verschlossen.

Im südlichen Bereich des Kirchgrundstückes befand sich unweit vom Außenzaum eine kleinere Grabstätte mit den beiden Gräbern des Priesters Iwan Wasilewitsch und seiner Tochter Sofia, die als Kirchengemeindelehrerin an der Schule arbeitete. Im Jahre 1920 wurden sie in ihrem Haus von den drei Dorfeinwohnern Jefim Zarew, Jefrem Dedkow und Semjon Marmosow ermordet. Der Priester wurde mit einer Axt erschlagen, seine Tochter mit einem Messer erstochen. Das Tatmotiv ist unklar. Es kann sich um einen simplen Raubmord gehandelt haben, andererseits war es eine nicht ungewöhnliche Erscheinungsform der damals herrschenden Zustände bei Übernahme der Macht durch die neue Sowjetregierung. Viel Glück brachte das Verbrechen den Tätern nicht: Dedkow begann Selbstmord, indem er sich erhängte, Marmosow wurde von Unbekannten später in Gomel erschossen und Zarew wurde 1941 zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter in seinem Haus von den Deutschen erschossen.

Die erste bekannte Schule von Lutschin stammt aus den Jahren zwischen 1860 bis 1870 und war eine kirchliche Schule mit zwei Lehrern plus einem Religionslehrer. Jeder Lehrer hatte vier Klassen mit je 10 Schülern zu unterrichten, davon zwei Klassen morgens und zwei Klassen nachmittags, damit die Schüler noch genug Zeit für die Arbeit hatten.

Schulgelände, im Vordergrund noch das alte Schulgebäude, dahinter befindet sich ein Spielplatz

Nach 1900 wurde die Lutschiner Schule zu einer Zweistufigen Oberschule umgewandelt. Dies bedeutete, das die 1. bis 4. Klasse. die erste Stufe und die 5. bis 7. Klasse die zweite Stufe bildete. Nach Beendigung der 2. Stufe bestand die Möglichkeit eines weiteren Schulbesuches dann im Rogachever Pädagogischen Seminar (für 4 Jahre). Ab 1922 gab es dann an der Schule den Komsomol, ab 1923 eine Pionierorganisation.

Im Jahre 1929 war die Schule nicht mehr kirchlich, sie bestand aus mehreren Gebäuden, die während der Zeit des Krieges niederbrannten, danach fand der Schulunterricht in anderen, verschont gebliebenen Gebäuden statt.

Während des Großen Vaterländischen Krieges wurde Lutschin zweimal durch die faschistischen Truppen besetzt. Bei der ersten sowjetischen Gegenoffensive 1941 im Bereich Rogachev/Shlobin konnte auch Lutschin zurückerobert, aber nicht sehr lange gehalten werden. Im Verlaufe des Krieges wurde das Dorf auch zweimal von den Besatzern niedergebrannt., dabei wurde auch die Kirche zerstört. Nur das vergoldete Kreuz des Turms blieb übrig und wurde auf den Friedhof umgesetzt.

Von 8. März bis Mitte Juni 1941 war in Lutschin ein Arbeitsbataillon aus der einheimischen Bevölkerung und regulären Armeeeinheiten stationiert, das hier gebildet worden war. Aufgabe war die Errichtung vorsorglicher Verteidigungsanlagen und Befestigungen am rechtseitigen Dneprufer und am Drutj für einen eventuellen Frontdurchbruch der deutschen Armeen, der schneller als geplant Realität wurde.

Im Sommer des Jahres 1944 wurde Lutschin im Verlauf der Operation "Bagration" (23.06.-29.08.1944) von der faschistischen Besetzung befreit.

Im April 1949 wurde in Lutschin die neue Schule gebaut, die noch heute in Betrieb ist. Eine Erweiterung des Komplexes wurde am 9. November 1998 übergeben. Dieses Schulgebäude befindet sich an dem Ort, an dem früher die Kirche war. Auf dem Hof der Schule kann man noch einen großen Findling sehen, der im Mittelalter zu einem Grabstein umgearbeitet wurde. Während der Bauarbeiten wurden die beiden Gräber des Priesters und seiner Tochter wiederentdeckt und auf den neuen Friedhof umgebettet, wo sie sich heute neben dem Kreuz der alten Kirche befinden.

Einer der prominenten Einwohner Lutschins ist Dedkow. Er begann seine Karriere als Pilot in der sowjetischen Armee und wurde dann in die Kosmonautenabteilung aufgenommen. Gegenwärtig arbeitet er in Baikonur als Instrukteur für die aktiven Kosmonauten, selbst nahm er jedoch nicht aktiv an Raumflügen teil.

Ortseingang auf der Kreisstraße Rogachev-Shlobin

Hauptstraße

Dorfansicht von Osten

Die neue Schule

Schulgelände, im Vordergrund noch das alte Schulgebäude, dahinter befindet sich ein Spielplatz

Das "Einkaufszentrum" mit Café

östlicher Dorfrand Richtung Dnepr

dörfliche Nebenstraße


Der belorussische Landkreis Rogachev
© Jörg Müller